Manche Filme muss der Zuschauer erleben, um sie zu begreifen. Das gilt vor allem für Horrorfilme, die oft weniger durch den Inhalt als vielmehr durch ihre Form bis ins Mark beunruhigen. In besonderem Maße trifft dies auf die Filme von Dario Argento zu. Der Sinn und Zweck des teuflischen Treibens bleibt in den Werken des italienischen Regisseurs und Autors oftmals ebenso im Dunkeln wie die Motive des Bösen. Doch mit den meist hanebüchenen Storys gehen eine formale Brillanz und ein exzentrischer Sinn für Ästhetik einher, die Maßstäbe setzen. Hier offenbaren Argentos Filme ihre wahre Größe. Der Italiener mag ein lausiger Drehbuchautor sein, als Regisseur ist er genial - und mit „Suspiria" hat er sein Meisterstück abgeliefert. Suzanne Banyon (Jessica Harper) reist aus den USA nach Deutschland, um Ballettunterricht zu nehmen. Schon bei ihrer Ankunft beobachtet sie etwas Seltsames: Eine junge Frau scheint in panischer Angst aus der Ballettschule zu fliehen. Und auch die Leiterin der Einrichtung (Alida Valli) macht einen merkwürdigen Eindruck auf Suzy. In den nächsten Tagen häufen sich die Vorkommnisse: Nachts sind unheimliche Geräusche zu hören, dann wird die Schule von einer Madenplage heimgesucht; mehrere der Nachwuchstänzerinnen verschwinden und schließlich kommt auch der Schulpianist ums Leben. Suzy beginnt zu ahnen, dass in dem Gebäude dunkle Mächte wirken und fängt an, Nachforschungen anzustellen. Nach seiner sogenannten Tier-Trilogie aus „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969), „Die neunschwänzige Katze" (1970) und „Vier Fliegen auf grauem Samt" (1971) führte Dario Argento 1975 mit „Rosso – Farbe des Todes" den Giallo, dieses stilistisch ausgefeilte, oft sehr blutige Subgenre des italienischen Thrillers zu formvollendeter Perfektion. Zwei Jahre später sollte er sich mit „Suspiria" an einer neuen Thematik versuchen. Gemeinsam mit seiner Freundin Daria Nicolodi schrieb er das Drehbuch zu dem Film, der erstmals auch übersinnliche Elemente enthielt. Das Paar wurde durch Geschehnisse, die angeblich Nicolodis Großmutter widerfuhren, als diese Schülerin in einer Akademie war, inspiriert und reicherte den Stoff mit Motiven aus „Alice im Wunderland", „Schneewittchen" und „Blaubart" an. Thomas De Quinceys („Bekenntnisse eines englischen Opiumessers") Kapitel über die drei Mütter der Seufzer (Mater Suspiriorum), der Dunkelheit (Mater Tenebrarum) und der Tränen (Mater Lachrymarum) ist ein weiterer wichtiger Ausgangspunkt für „Suspiria" und Grundlage für eine später mit „Inferno" und
The Mother Of Tears komplettierte neue Trilogie. „Suspiria" ist ein audiovisuelles Kunstwerk. Argento und sein Kameramann Luciano Tovoli („Beruf: Reporter", „Weiblich, ledig, jung sucht...") erzeugen durch stimmungsvoll ausgeleuchtete Sets, bizarre Kameraperspektiven und zahlreiche kreative Regieeinfälle eine unvergleichliche Atmosphäre. Sie machten sich das 1977 schon als veraltet geltende Technicolor-Farbfilm-Verfahren sowie den Einsatz verschiedener Farbfilter zunutze und gaben den Bildern damit eine besondere Aura: Aus Künstlichkeit wird Kunst. Als Inspirationsquellen für Farbgebung und Lichtsetzung nennt Argento „Schneewittchen und die sieben Zwerge" in der Version von Walt Disney sowie Filme des deutschen Expressionismus. Hier zählt vor allem Fritz Lang (
M – Eine Stadt sucht einen Mörder,
Metropolis) zu den immer wieder genannten Vorbildern Argentos. Doch auch der Einfluss der Spannungsbögen Alfred Hitchcocks, der Rauminszenierungen Michelangelo Antonionis (
Blow Up, „L'avventura") und der Farbdramaturgie Mario Bavas („Die drei Gesichter der Furcht") ist in „Suspiria" feststellbar. Zum optischen Genuss kommt noch das eigenwillige Sounddesign der Progressive-Rock-Band „Goblin", das auch anderen Filmen von Argento immer wieder eine ganz besondere Note verleiht.
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